Hannah G. / Statements zu ihrem FSJ 2022 *

„Ich hatte in der Schule immer das Gefühl, ich lerne für mich und deswegen ist es legitim, dass es so viel ist, weil es mir Spaß macht. Das war, der härteste Kontrast zum FSJ im Museum mit einer 40 Stundenwoche, wo alles vor Ort erledigt wird.“ Hannah berichtet berichtet von ihrem FSJ in einem Frankfurter Museum.


Man weiß ja wirklich nicht, wie viele sich da bewerben. Ich hatte immer wieder gehört, da bewerben sich wahnsinnig viele Leute und man muss wirklich Glück haben, überhaupt reinzukommen. Ich habe sogar tatsächlich mal darüber nachgedacht, was ich anfangen würde zu studieren, wenn es überhaupt nichts wird.

Der Plan war zu der Zeit Soziologie und Kunst, Medien, kulturelle Bildung im zwei Fach Bachelor und ich hätte wahrscheinlich einfach Soziologie mit einem anderen Nebenfach angefangen, weil ich auch für Kunst, Medien, kulturelle Bildung eine Mappe gebraucht hätte.
Naja, dann habe ich aber von Frankfurt relativ schnell einen Anruf bekommen und sie meinten, sie würden mich gerne nehmen. Erst einmal war ich ein bisschen überfordert, weil ich ja noch Darmstadt offen hatte und mich noch gar nicht entschieden hatte. Beim Museum in Frankfurt hatte ich die Bedenken, oh, Gott, was ist denn, wenn ich da die ganze Zeit nur Workshops mit Kindern machen muss?

Ich glaube, die Hauptmotivation für das FSJ war tatsächlich die Überbrückung. Ich hatte gleichzeitig die Motivation, diese Zeit, die ich brauchte, um eine Mappe zu erstellen, damit zu verbinden, mal den Bereich der Kultur kennenzulernen, in den ich mit Soziologie und Kunst perspektivisch auch rein gerutscht wäre.

Beim Museum habe ich gedacht, es wäre die perfekte Kombination der beiden Fächer, die Schnittstelle, an der sich gesellschaftliche Perspektiven, Fragestellungen, der Bezug von Außen zum Museum und die Kunst und die Vermittlung dessen treffen.

Was macht man mit Soziologie? Und was mit Kunst und kultureller Bildung? Das ist ja so ein Bereich, wo ich jetzt heute noch sagen würde, damit kann man alles oder nichts machen. Man hat ganz viele Möglichkeiten aber kein festes Berufsbild und wirklich Glück, wenn man etwas findet, was beides tatsächlich vereint.

Es hat mir am meisten gebracht zu sehen, was man denn realistisch mit so etwas anfangen kann. Das hat auch dazu geführt, dass ich jetzt sage, ich studiere das nicht, obwohl es mich interessiert.
Ich hatte in der Schule immer das Gefühl, ich lerne für mich und deswegen ist es legitim, dass es so viel ist, weil es mir Spaß macht. Das war, der härteste Kontrast zum Museum mit seiner 40 Stundenwoche, wo alles vor Ort erledigt wird. Dann kommt man nach Hause und hat nichts mehr zu tun und kann sich die Zeit gar nicht mehr frei einteilen. Du hast diese Zeit abzuleisten, ob du jetzt was zu tun hast oder nicht.

Mich hat die Arbeit nie so wirklich erfüllt, weil ich nicht wusste, für was ich das mache. Ich mach es nicht für mich, dass ich da sitze und Emails schreibe und Buchungen annehme. Mir hat es gefehlt, dass ich das aus freien Stücken in der von mir eingeteilten Zeit mache und dass ich daraus etwas mitnehme.
Das war ein ganz extremer Kontrast zur Schule. Mir hat ein bisschen der Antrieb gefehlt.

Natürlich habe ich ganz viel mitgenommen, was Strukturen angeht, was Organisationsfähigkeit angeht, was Projektmanagement angeht. Ich habe wahnsinnig viel Kontakte in der Kulturszene geknüpft und gelernt, wie es wirklich läuft, außerhalb der Schule als ein abgeschlossener Raum.

In der Schule wird etwas gefordert und es existiert ein extremes Belohnungssystem. Du verhält dich gut, du lieferst, du wirst belohnt, du hast immer die Ansprache und eine Resonanz. Das hatte ich auf der Arbeit so nicht. Es war viel mehr Eigenverantwortung und man musste viel strukturierter vorgehen.

Ein Unterschied zur Schule ist auch die Frage nach pädagogischer Begleitung. Die Schule ist darauf ausgelegt, dass du pädagogisch und fachlich begleitet und an die Hand genommen wirst. Und ich hatte das Gefühl, in der Schule wird auch sensibel darauf reagiert, wenn sich jemand ein bisschen alleingelassen fühlt.

Widerspruch einzulegen ist mir anfangs total schwergefallen, weil ich in der Schule ja immer alles vor die Füße gelegt bekommen habe. Es hat ja irgendwie darauf basiert, dass einem Sachen erklärt werden, dass man dort hingeführt wird, dass gesagt wird, man hat diese und jene Möglichkeiten. Widerspruch war eigentlich gut, Diskussion gerne gesehen.
Im Museum herrschten dann plötzlich Hierarchien, die ich so nicht kannte, bei denen ich auch nicht wusste, herrschen sie dort oder nicht? In welcher Position bin ich? Ich hatte nie mit erwachsenen Menschen zusammengearbeitet, sondern immer mit Gleichaltrigen. Es war eine ganz andere Situation und ich wusste einfach nicht, in welcher Position ich dort bin und welche Freiräume ich mir schaffen kann, was ich machen kann, was zu viel verlangt ist, was vielleicht unhöflich ist. Deshalb war ich am Anfang auch total zurückhaltend, was Widerspruch angeht.
Mich hat es immer wieder irritiert, dass ich da mitarbeite, so gleichberechtigt und auch schon sehr verantwortungsvolle Aufgaben zugeteilt bekomme.

Ich habe in meiner ersten Woche das erste Telefonat mit einer Lehrerin geführt, die bei uns einen Workshop buchen wollte. Ich habe ihr dann erklärt, was wir so im Programm haben. Und ich war total überfordert damit. Mein Standardsatz, wenn ich ans Telefon gegangen bin war: Guten Tag Museum Angewandte Kunst, mein Name ist Hannah Glaser, was kann ich für Sie tun? Und dann hieß es sie sei Lehrerin und ich würde gern mit ihren Schüler:innen dies und jenes machen. Was können ich ihnen empfehlen könnte. Und dann habe ich, die ja gerade selbst erst aus der Schule kam, der Lehrerin erklärt, was sie mit ihren Schüler:innen machen kann, was ich empfehlen würde, was bei uns im Haus gut ist. Das ist ja eine totale Verantwortung, gerade wenn ich E-Mails schreibe. Ich komme aus der Schule, habe keinerlei Berufserfahrung, sitzt neben welchen, die alle mindestens ein abgeschlossenes Masterstudium haben und übernehme die gleichen Aufgaben und kommuniziere mit Leuten, die einen viel höheren Wissensstand haben als ich.

Ich war da als pädagogische Begleitkraft vonseiten des Museums. Ich ohne jegliche pädagogische Erfahrung habe diesen Workshop als Vertreterin des Museums begleitet.
ich hatte während meines ganzen FSJs das Gefühl, dass ich intellektuell nicht wirklich gefördert werde und auch nicht die Möglichkeit habe, in Themen einzusteigen, weil vieles unter Zeitdruck geschehen ist und deswegen auf einem sehr niedrigschwelligen Niveau. Man hat gemacht, was rein passte und für zusätzliche Dinge war kein Raum. Der Input, wie ich ihn aus der Schule kannte hat mir total gefehlt
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Als Bildungs- und Vermittlungsabteilung planen wir, aber wir planen keine Inhalte. Wenn wir Workshops anbieten, sind wir für die Organisation da. Das heißt, wir gucken, wo kommt das Geld her, wen engagieren wir, wo kriegen wir die Teilnehmenden her, wie gestalten wir die Anmeldung und solche Dinge. Was mich wirklich interessiert hätte, wäre den Workshop inhaltlich zu konzipieren und dann auch selbst in die Umsetzung zu gehen. Aber all das wird von uns abgegeben an die Kunst Vermittler:innen und das finde ich total schade, weil dadurch gar kein Raum zur persönlichen Weiterbildung entstanden ist.

An zwei Punkten habe ich gemerkt, okay, ich bin nicht mehr in der Schule. Es gab keine Rückkopplung und kein Feedback mehr in dem Sinne. Und zum anderen habe ich tatsächliche Verantwortung getragen. Ich bin nicht mehr in der Schule, in dem abgeschlossenen Raum, in dem eigentlich egal ist, was ich tue, weil die einzige Konsequenz, die mein Verhalten hat mich persönlich betrifft. Auf der Arbeit hing plötzlich eine Außenwelt dran, für die mein Verhalten tatsächliche Folgen hat.

Ich hatte aber auch andere Möglichkeiten. Es war kein Wegbrechen, sondern es hat sich etwas Neues daraus ergeben, eine neue Möglichkeit.
Video 1-3 als Podcast / 57 Minuten

Kooperationen: Kuturfonds Frankfurt / Rhein / Main und der Bertolt-Brecht-Schule, Darmstadt

DOPPELLEBEN *
Dieses Projekt geht 2022 / 2023 der Frage nach, was in der Schule abseits von Lehrplänen und Prüfungen geschieht und was sichtbar gemacht zu werden verdient. Hier geht es nun um die Differenz zwischen dem Arbeiten an der Schule und im FSJ.

Die Projektidee hatten Rainer Lind und Bernhard Schütz. Auf dieser Webseite werden in Zukunft weitere Themen, Schüler:Innen und Arbeitsgruppen vorgestellt. Falls jemand eine weitere Themenidee und Interesse an deren Dokumentation und Gestaltung hat: Bitte melden!

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