Wie wir wurden, was wir sind

Von Beginn der Schule an verstanden wir die Brechtschule auch als Auftrag, unserem Namensgeber gerecht zu werden. Goethe- und Schillerschulen gab es wie Sand am Meer, aber eine Schule nach Brecht zu benennen, stieß auf heftigen Widerstand der kommunalen Gremien. Unser Ziel hieß: Bildung für alle! Auch Kinder aus bildungsfernen Familien sollten idealerweise gleiche Möglichkeiten haben, das Abitur zu erwerben. Das war im Jahre 1974 keine Selbstverständlichkeit.

An der Brecht-Schule fand sich bald ein experimentierfreudiges Kollegium zusammen, das die Vorstellung einte, einen besseren Umgang mit Schülern zu pflegen, als sie es selbst erlebt hatten. Bis heute lautet der erste Satz unseres Schulprogramms: Wir sind eine nichtautoritäre Schule. Einstimmig verabschiedet.

Die Schule wurde als Gymnasiale Oberstufe für die neuartigen Gesamtschulen in Darmstadt konzipiert. Schuldezernent Heinz-Winfried Sabais hatte einen jungen Direktor auserkoren: Fritz Deppert, der der BBS in den folgenden zwei Jahrzehnten ein Gesicht gab. Zu der Konzeptionsgruppe gehörten auch der spätere OB Peter Benz und der spätere ELO-Schulleiter Albrecht Dexler – allesamt Literaten.

Fritz Deppert, 2014
Sebastian Franke, 2019

Unter der Ägide Rainer Petris, der viele Jahre als Stellvertreter Fritz Depperts die Heizerfunktion an Bord der Brecht übernommen hatte, entfaltete sich der Grundgedanke der Emanzipation aller gesellschaftlichen Kräfte weiter. Als zu Beginn der Neunzigerjahre das erste türkische Haus in Deutschland brannte, als die USA Bagdad bombardierten, begannen sich viele Muslimas demonstrativ ein Kopftuch anzuziehen. Rainer Petri reservierte ihnen in der Pause einen Bet-Raum und wurde mit seinem wertschätzenden Verhalten auf allen Ebenen ein Vorbild, auch für das Kollegium. Wenn das Kollegium streikte, streikte Rainer Petri mit. Primus inter pares.

Rainer Petri, Fritz Deppert

Die erste Schulleiterin der Brecht-Schule wurde Siglinde Lischka. Sie, wie viele KollegInnen ein Kind der Studentenrevolte, war bereits in ihren Anfangsjahren an die Brecht-Schule gekommen. Sie setzte einen klar feministischen Akzent, was die Grundausrichtung der Schule, Emanzipation, unterstrich. Auch bei ihr mussten die Künste nicht darben, in ihre Ägide fiel die Gründung von Brecht Extra. Als sie von einer Journalistin gefragt wurde, welches Profil die Brecht-Schule habe, nachdem sich alle Darmstädter Gymnasien entsprechend positioniert hatten, antwortete sie ohne jedes Pathos: »Gar keins. Wir nehmen alle« – und wies damit auf die Ausgrenzungsmechanismen solcher »Profilierungen« hin.

Fritz Deppert war im Alter von 44 Jahren Schulleiter geworden. Ein landesweiter Rekord, der vom gegenwärtigen Schulleiter, Sebastian Franke, im Jahr 2019 noch deutlich unterboten wurde.

Man darf einem frischgebackenen Schulleiter angenehmere Startbedingungen wünschen als einen Bombenfund am Messplatz, die Corona-Pandemie, den Abriss des Hauptgebäudes… Wer aber diese Schwierigkeiten so souverän besteht, dem braucht auch vor der Zukunft nicht bang zu sein.

Eine Schule wird jedoch nicht (nur) von Schulleitern gemacht. Oft sind es die »Heizer unter Deck« – seit vielen Jahren Artur Sudermann –, die das Schiff am Laufen halten. Und ganz nebenbei gibt es auch noch Leute, die sich um den Unterricht kümmern: Es war verblüffend zu erleben, wie nonverbal »der Geist der Brecht« von einem neuen Kollegium aufgenommen und weitergetragen wurde, das jenes alte Kollegium – zum Schluss lag der Altersdurchschnitt bei 59 Jahren – ablöste.

Und schließlich die Schülerschaft: Sie backen sich die Lehrer und Lehrerinnen, die sie brauchen, immer noch selbst. Der eine Lehrer merkt’s; der andere nicht.


Verabschiedung Siglinde Lischka, 2019
Fotos. Rainer Lind / Nils Noä