Studienfahrt Dachau // Januar 2022 / Teil 2

In Zuge der Beschäftigung mit der Minderheit der Sinti und Roma, die in ihrer Geschichte den Stereotypisierungen und Verfolgungen ausgesetzt war und oft auch noch ist und bis heute um Anerkennung kämpfen muss, unternahmen die Jugendlichen eine Exkursion zum Max-Mannheimer-Studienzentrum und zur KZ-Gedenkstätte Dachau.

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Hannah hatte sich zuvor intensiv mit dem 1941 nach Dachau verschleppten Darmstädter Bürger Rudolf Adler beschäftigt: „Er kam daher, woher ich komme, und im Grunde war er in meinem Kopf und ich dort an dem Ort und ich wusste immer, er war hier… „Er war da“ ist ein Konstrukt in meinem Kopf. „Er war da“ heißt erst einmal garnichts. „Er war da“ heißt erst einmal, ich habe ein Verzeichnis auf einer Schreibstubenkarte und ich habe ein Dokument der Gestapo in Darmstadt, das verzeichnet, dass er deportiert wurde nach Dachau …Über den Lageralltag und Rudolf Adler – den Zusammenhang hatte ich nichts. Er wird halt zur Nummer in dem Konzentrationslager und natürlich wird nicht dokumentiert, was er macht und wie er es macht… Ich finde, Empathie ist etwas, das man nicht verspüren kann in so einem Lager. Es ist etwas, wo wir uns nicht hineinversetzen können, das können wir nicht nachfühlen, niemals. Im Grunde zeigt es ja schon auf einer ganz banalen Ebene die Begrenztheit unseres Einfühlungsvermögens, unserer Vorstellungskraft.“
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Hannah spricht hier über die Frage der Annäherung des Betrachters an die Opfer der Lager: Wieviel Privates, wieviel Intimität erfahre ich über die Beschäftigung mit einem Menschen, wenn ich viele Jahre nach seinem Tod die Akten lese oder über die Bilder der Ausstellungen mit dem Leid und der Nacktheit der Lagerhäftlinge konfrontiert werde?
Welche Anmaßung ist es, mich fotografierend den Orten der Vernichtung zu nähern?: „[Am Krematorium] habe ich mich richtig geschämt, dass ich Fotos mache, da habe ich mich richtig falsch gefühlt, das wollte ich eigentlich garnicht, weil es ein Ort war, wo ich das Gefühl hatte, dass es nicht legitim ist, dass ich da mehr als siebzig Jahre später noch die Berechtigung habe, hinzukommen, in meiner Freiheit, mir das anzugucken und da rumzulaufen, da drumherum zu laufen … und Fotos zu machen. Klar, irgendwie muss man mit der Geschichte umgehen, das aufzubereiten. Aber, was das für ein Privileg ist, da sein zu können, ohne Zwang und einfach wieder gehen zu können und es aussuchen zu können, ob ich das jetzt sehen möchte und in welcher Intensität ich mich darauf einlasse… Ich habe mich so ein bisschen gefühlt wie eine Spannerin…“
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Wenige Meter entfernt von den Überresten des ehemaligen Bahngleises, dem historischen Ankunftsort im Konzentrationslager und nicht durch Büsche oder eine Mauer getrennt, sondern klar sichtbar durch einen fragilen Maschenzaun, trainiert die Polizei. In diesem Moment in Zweierreihen joggend, straff, vor einem Gebäude der ehemaligen Lagerverwaltung. Im Keller befand sich damals eine Kegelbahn für Offiziere. Vielleicht ist diese Ausbildungsstätte der Bayrischen Landespolizei genau am richtigen Ort, um sich der Rolle und der Verantwortung als Ordnungsmacht bewusst zu sein oder zu werden? Hier im Video Hannahs Überlegungen …
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Die Macht und die Lagergesellschaft:
In diesem Interview setzt sich Hannah eingehend mit der Frage der Macht als politische Kategorie auseinander, um dann auf ihre Bedeutung im Lager einzugehen. Sie zeigt auch auf, wie die sog. Lagergesellschaft und damit auch nach der Befreiung die Erinnerung der Überlebenden in ihrem Selbstverständnis als ehemalige Häftlinge geprägt wurde.
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„Es kann der Wirtschaft dienlich sein“: die Entstehung des Konzentrationslagers am Ort einer stillgelegten Munitionspulverfabrik.
Welche Interessen standen hinter der Errichtung eines Lagers, was geschah nach 1945 mit den Gebäuden und welches Verhältnis hat heute die Dachauer Bevölkerung zu KZ-Gedenkstätte und zur Geschichte des Ortes?
Projektförderung 2022

Studienfahrt nach Dachau im Juni 2018 – Ein Rückblick im Januar 2022

„Dieser Besuch in Dachau … hat einen … geerdet. Im ersten Moment hatte man all diese Gedanken: Hier stand jemand, hier standen all diese hundert Leute, abgemagert, … dahinten lag ein großer Berg von Leichen und man stellt sich das bildlich vor und ist total überrumpelt davon, aber schlimmer als das geht [es] ja im Grunde nicht. Und ab da hast Du im Grunde den Weg geebnet … zurückzutreten und sich zu sagen: das sind jetzt die schlimmen Bilder, die in meiner Vorstellung dabei hervorgerufen werden, aber jetzt habe ich erst recht die Pflicht, mich damit auseinanderzusetzen und nicht immer nur die emotionale Sicht darauf zu haben und das auf mich zu beziehen, was das mit den Gefühlen mit mir macht, sondern einfach ein Faktenwissen aufzubauen und die Biografien wertzuschätzen. Ich glaube, wenn man das gemacht hat, wenn man dafür ein Verständnis entwickelt hat, dann geht man nicht zum Beispiel, was viele machen, zu dem Berliner Holocaustdenkmal und macht ein schönes Instagram-Bild … Ohne einen Kontext wäre es nur verstörend gewesen, ohne Kontext hätte man es garnicht verstanden.“

„Die Orte müssen vermittelt werden, weil sie vielfach nicht selbstsprechend sind, nicht selbst zu dekodieren sind für die Jugendlichen“. Felizitas Raith berichtet über ihre Arbeit als Pädagogische Leiterin der Bildungsstätte, die Didaktik der Workshops und den Dialog mit den Jugendlichen. Bereits als Studentin der Geschichte und Geschichtspädagogik engagierte sie sich im Entstehungsprozess des NS-Dokumentationszentrums in München und wirkte später an der Ausarbeitung des Bildungsprogramms mit.

Robert ist Teamer und Guide. Er führte die Exkursionsteilnehmer*innen durch die KZ Gedenkstätte Dachau.

Robert. ist Teamer und Guide. Er führte die Exkursionsteilnehmer*innen durch die KZ Gedenkstätte Dachau. In einem mehrtägigen Workshop in den Seminarräumen des Max-Mannheimer-Studienzentrums hatten sie Jugendlichen die Möglichkeit, sich vertiefend mit dem System der Konzentrationslager, der „Lagergesellschaft“ und den Sinti und Roma als Häftlinge zu beschäftigen. Am Ende der Veranstaltungen haben wir dann auch Robert. nach seiner Arbeit, nach seinen Erfahrungen befragt …
Im seinem früheren Leben war Robert damit beschäftigt, die Statik in Flugzeugen so zu berechnen, dass es selbst bei größeren Gewichtsverlagerungen nicht zu Abstürzen kommt. In seiner Lebensmitte hat er umgelernt zum Fremdenführer in München. Um als Referent in Dachau zu arbeiten, wird Sachkenntnis, Geschichtsverständnis und die Fähigkeit verlangt, die Geschichten hinter der Geschichte erzählen zu können.
Robert über seine Erfahrungen mit den Besuchern aus Darmstadt


Gedenkstätten sind Lern- und Erinnerungsorte gleichermaßen.

Gedenkstätten sind Lern- und Erinnerungsorte gleichermaßen. Gedenkstättenpädagogische Arbeit muss dies berücksichtigen und eine angemessene Sprache finden. Wie kann nun den Besucher*innen, die mit ihren eigenen Erwartungen kommen, die Geschichte und Funktion eines Konzentrationslagers dargestellt, die Situation der Häftlinge, die Gewaltexzesse der Täter beschrieben und der Ort eben auch als Gedenkort geöffnet werden?
Nora Schütz, Geschichtsstudentin an der Ludwig-Maximilian-Universität München, absolvierte 2019/2020 am Max-Mannheimer-Studienzentrum in Dachau ihr Freiwilliges Soziales Jahr. Sie beschäftigte sich eingehend mit der Geschichte des Konzentrationslagers und der Bildungsarbeit an der KZ-Gedenkstätte Dachau.
In diesem Podcast stellt sie in sieben Stationen Elemente eines von ihr konzipierten Rundgangs vor. Dabei ist es ihr wichtig, v.a. Jugendlichen eine reflektierte wie empathische und doch jegliche emotionale Überwältigung vermeidende Begegnung mit dem Ort zu ermöglichen.

SS-Gelände
„Die Sonne kommt hervor. Als wir aus dem Waggon aussteigen, blendet uns das Licht und verbrennt uns. Unsere Kolonne hat sich seit dem Abmarsch aus Gandersheim um die Hälfte vermindert. Es bleiben vielleicht hundertfünfzig. Jo hilft mir beim Gehen. Die schweigsame Brüderlichkeit Jos. Im Waggon den Kopf an seiner Schulter, die Sojabohnen in der hand, jetzt sein Arm, auf den ich mich stütze. ‚Zu fünft!‘ Wieder einmal. Wir passieren das Eingangstor. ‚Arbeit macht frei‘ steht darüber. (Robert Antelme: das Menschengeschlecht. [L’espèce humaine.] Übs. Eugen Helmé. München, Wien 1987, S.385f.)


Häftlingskategorien
„[9. Juni 1944] Wie leicht haben es unsere gemeinsamen Feinde, die verschiedenen Farben gegeneinander auszuspielen! Nichts ist ja uns Menschen willkommener, als einen Grund zu finden, der es uns ermöglicht, uns der Pflicht zu Kameradschaft, Hilfe und Liebe zu entschlagen. Wie gerne lassen wir uns weis machen, daß wir besser seien als andere. Wie bequem ist es, stets eine Gruppe von Menschen bereit zu haben, die man als Sündenböcke für alle Missetaten und als Prügelknaben für alle Strafen verwenden kann. Und so haben sich die Spekulationen auf diese dunkle Seite der menschlichen Natur als richtig erwiesen.“ (K.A. Gross: Zweitausend Tage Dachau. Erlebnisse eines Christenmenschen unter Herrenmenschen und Herdenmenschen. Bericht und Tagebücher des Häftlings Nr. 16921, München o.J. [1946], S. 238)


Appellplatz
„Die Baracken schimmerten grün durch den Stacheldraht. Selbst von weitem sah man, daß alles peinlich sauber gehalten war und nicht das kleinste Stückchen Papier herumlag. Aber über allem hing etwas Unerbittliches, etwas Furchtbares, etwas Eiskaltes. Nie zuvor in meinem Leben habe ich eine Umgebung so bedingungslos gefährlich und feindlich empfunden.“ (Kupfer-Koberwitz, Die Mächtigen und die Hilflosen. Als Häftling in Dachau, Bd. 1: Wie es begann, Stuttgart 1957, S. 54)



Bunker Baracken Bad
„Wenn nur das Grauen nicht wäre, das nachts aus den dunklen Ecken meiner Zelle auf mich zukriecht, als wolle es mich würgen. Besonders schlimm ist es nach den Abenden, an denen ich die Auspeitschungen anhören muß, welche draußen vor meiner Zelle stattfinden. Dann stehe ich lauschend im Dunkeln und zähle das Klatschen der Peitschen auf den Körpern der Unglücklichen. Oft sind es über fünfzig Hiebe. Ich presse die Fäuste in die Augenhöhlen und schaudere.“ (Erwin Gostner: 1000 Tage im KZ. Ein Erlebnisbericht aus den Konzentrationslagern Dachau, Mauthausen und Gusen, Innsbruck 1945, Nachdr. Innsbruck 1986, S. 39


Schubraum
„Der Zebra-Mensch mit der gelben Armbinde führte unsere kleine Gruppe in eine Art Halle, die mir im Halbdunkel, in dem verschwanden, einer großen zweckentfremdeten gedeckten Markthalle zu gleichen schien. Andere Zebramänner in tadelloser Aufmachung waren um uns herum, geschäftig bei den Formalitäten der Eintragung in das Gefängnisregister. Entkleiden, Haare schneiden, Cresolpinselei, Durchgang durch die Dusche: der erste Eindruck ist der einer unermeßlichen Entblößung.“ (Edmond Michelet: Die Freiheitsstraße. Dachau 1943-1945, [Rue de la Liberté, 1955; übers. Georg Graf Henkel von Donnersmarck], Stuttgart 1960, S. 62.



Bewachungsanlage
„Stacheldraht, mit Tod geladen
ist um unsere Welt gespannt.
Drauf ein Himmel ohne Gnaden
sendet Frost und Sonnenbrand.
Fern von uns sind alle Freuden,
fern die Heimat und die Fraun,
wenn wir stumm zur Arbeit schreiten,
Tausende im Morgengrauen.“
(Jura Soyfer: Dachau-Lied)


Krematorium
„[…]
Das Krematorium ist still und schweigt,
es speit nur die Asche aus,
die Asche, die man den Lieben zeigt,
die heim man schickt in ihr Haus. –
Ach, auch die Asche ist stumm und schweigt,
sie spricht keine Geheimnis mehr aus, –
doch der Leichenhalle Schweigen schreit:
„Die Toten von Dachau! – „
(aus Totenkammer von Kupfer-Koberwitz, Dachauer Tagebücher. Die Aufzeichnungen des Häftlings 24814, München 1997, S.552; Hervorhebung in der Quelle)