Nachlese des literarischen Abends mit Jenny Erpenbeck an der Bertolt-Brecht-Schule

Die Veranstaltung mit Jenny Erpenbeck im Rahmen des Forums „Brecht trifft…“ bot den fast 200 Gästen einen intensiven Einblick in Werk und Denken einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart.

Jenny Erpenbeck, ausgezeichnet unter anderem mit dem Booker Prize, präsentierte Auszüge aus ihrem 2007 erschienenen Roman „Heimsuchung“, der in elf Kapiteln die Geschichte eines Hauses am Scharmützelsee und seiner Bewohner über mehrere Generationen hinweg erzählt. Die verschiedenen Episoden verbinden individuelle Lebensgeschichten mit den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts – vom Nationalsozialismus über die Nachkriegszeit bis in die Gegenwart.

Schulleiter Sebastian Franke mit Jan Eisenhauer, Jenny Erpenbeck und Katja Lang

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Im Rahmen der Lesung wurde deutlich, dass Jenny Erpenbecks literarisches Wirken durchaus von biografischen und historischen Erfahrungen geprägt ist. Themen wie Erinnerung, Verlust und politische Verantwortung bilden dabei zentrale Elemente. Literatur erfährt in diesem Konnex nicht nur eine Akzentuierung als ästhetische Form, sondern auch als Mittel, historische Prozesse und individuelle Schicksale miteinander zu verweben. Der Roman „Heimsuchung“ steht exemplarisch für diese Herangehensweise. Das Werk fokussiert sich nicht auf eine einzelne Hauptfigur, sondern auf einen Ort – das Haus am Scharmützelsee. Die wechselnden Bewohner spiegeln die Brüche deutscher Geschichte wider, während zugleich Fragen nach Heimat und Identität verhandelt werden. Besonders eindringlich ist dabei die Doppelbedeutung des Titels: „Heimsuchung“ verweist sowohl auf Zerstörung und Leid als auch auf die Suche nach Heimat und Zugehörigkeit.

Ein weiterer Aspekt, der im Kontext der Veranstaltung deutlich wurde, ist die aktuelle Relevanz des Romans. So ist Heimsuchung inzwischen in mehreren Bundesländern Bestandteil des Deutschabiturs. Die Vielschichtigkeit des Textes, unter anderem begründet durch die fragmentarische Erzählweise und die Vielzahl an Perspektiven, fordert Leserinnen und Leser dazu heraus, eigene Deutungen zu entwickeln und sich aktiv mit historischen Umbruchphasen auseinanderzusetzen. Jenny Erpenbeck gelang es, durch ihre ruhige, präzise und überaus humorvolle Vortragsweise die dichte Atmosphäre ihres Textes erfahrbar zu machen und zugleich Raum für Reflexion zu eröffnen. Der Abend zeigte, wie Literatur als Medium dienen kann, um komplexe historische Zusammenhänge verständlich zu machen und individuelle Erfahrungen in einen größeren Kontext einzuordnen.

Wir bedanken uns abermals bei Frau Erpenbeck für diesen wunderbaren literarischen Abend und freuen uns auf weitere Veranstaltungen im Rahmen von „Brecht trifft…“!

 




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