LEBENSRAUM ZUKUNFT / INFLUENCER / DIE IDEOLOGIE DER WERBEKÖRPER **

Wolfgang M. Schmitt jun. ist Youtuber, Podcaster und Gesellschafts-Kritiker. Seit 2011 betreibt er den ideologiekritischen Youtube-Kanal »Die Filmanalyse«, in dem er aktuelle Großproduktionen (und manchmal auch Klassiker) aus einer etwas anderen Perspektive beleuchtet. Bei Suhrkamp erschien von ihm zuletzt (gemeinsam mit Ole Nymoen) das Buch Influencer. Die Ideologie der Werbekörper (2021). Für Wolfgang M. Schmitt sind Influencer symptomatische Sozialfiguren unserer Zeit. / Der Vortrag wird Einblicke in die absurde Social-Media-Welt, ihren neoliberalen Lifestyle und ihre zweifelhaften Körperbilder geben und aufzeigen, wie das Influencer-Marketing Millionen Follower bei Kaufentscheidungen lenkt und manipuliert.

Die Selbstoptimierung in den sozialen Medien sagt den jungen Leuten Du bist noch nicht gut genug, du musst dich verbessern. Das ist erst mal etwas sehr Menschliches, denn wir empfinden uns selten als komplett abgeschlossen. Dann würde man ja zum Beispiel auch sagen „Ich muss nie wieder ein Buch lesen“. Ich habe das Wichtigste gelernt. Das würde man ja auch nicht tun. Insofern ist Selbstoptimierung zunächst einmal nichts Schlechtes.
Das Problem ist nur In welche Richtung soll man sich denn eigentlich optimieren?

Ob ich selbst ein Influencer bin? Das ist immer die erste Frage. Aber die Frage kommt dann so triumphierend, als sei das die Person, die glaubte, sie sei die erste, die diese Frage stellt. Das ist jetzt wirklich immer die erste Frage, die kommt. Nein. Ich antworte natürlich etwas länger und erkläre, was wir eigentlich unter Influencer verstehen sollten und inwieweit das, was ich tue, sich unterscheidet – es aber vielleicht doch Ähnlichkeiten gibt, was die Publizität anbelangt, in den sozialen Medien und dergleichen.
Die Frage ist, wie bekommt man die Menschen, die den Influencern folgen, dazu, einzusehen, was sie dort eigentlich tun? Denn es gibt eine gewisse Leugnung natürlich bei den Zuschauern, dass sie sich in gewisser Weise für klüger halten als das, was sie die ganze Zeit dort tun. Es ist eine ganz eigenartige Konstellation. Die meisten Menschen würden immer sagen, dass ihnen Konsum gar nicht so wichtig ist.


Der Kapitalismus ist sicherlich das intelligenteste System, das die Menschheit je hervorgebracht hat. Schon deshalb, weil der Kapitalismus es vorzüglich versteht, die Kapitalismuskritik in das eigene System einzuspeisen. Das bedeutet auch, dass eigene Lebensstile, die einst als kritisch galten, plötzlich zum Mainstream gehören oder kapitalistisch besonders gut verwertbar sind.
Die Lage der Influencer, so erfolgreich sie auch sein mögen, ist immer eine prekäre auf den Plattformen. Denn sie sind in gewisser Weise ja nur schein-selbstständig. Sie sind ja ganz stark davon abhängig, dass TikTok und Instagram sie dort sein lässt. Wenn TikTok und Instagram irgendwie die Regeln verändert, wenn die Monetarisierung nicht mehr so gut läuft, wenn man das Publikum nicht mehr so erreicht, weil plötzlich der Algorithmus sich geändert hat und andere Inhalte präferiert, dann steht man plötzlich sehr dumm da.
Denn natürlich hat dieses algorithmische Kuratieren auch sehr viel Gutes. Ich gebe es hier ganz offen zu, und die Buchhändler werden mich schelten. Ich kaufe meine Bücher zwar alle in der Buchhandlung, telefonisch bestelle ich die, aber ich bekomme durch den Algorithmus bei Amazon mit, was Neues erscheint. Ich sehe es dort eher, weil meine Interessen ein bisschen spezieller sind. Ich sehe es eher bei Amazon das, was wirklich interessant ist als in der Buchhandlung.
MELANIE
„Ich hatte am Wochenende eine relativ ausführliche Recherche, weil ich vergangene Woche Texte von Ihnen in vier meiner Kurse gegeben habe. Es entstanden Diskussionen und gleichzeitig hatten die Schüler Recherche-Aufträge. Wir haben Content gesammelt – aus TikTok, Instagram, YouTube. Und so wurden wir konfrontiert mit Figuren wie Andrew Tate, der mir bislang kein Begriff war. Und es tauchte auch auf einmal wieder Patrick Bateman aus dem Film „American Psycho“ auf. Aber in einer anderen Form. Ich bin Jahrgang 1982, das heißt also, als ich den Film konsumiert habe, war ich ungefähr so alt wie meine Schüler jetzt. Und der Umgang mit dieser Figur war ein ganz anderer. Jetzt wird ein Ausschnitt genommen und dieser wird losgelöst von dem konkreten Charakter und der Figur Bateman. Und es wird zum Beispiel nur seine Morning Routine gezeigt. Und ich als Kunstlehrerin stelle fest, dass das etwas klassisch Postmodernes ist. Es ist ein postmodernes Gestaltungsmittel, dass ich mir Versatzstücke nehme und diese collageartig zusammenfüge. Aber wo bleibt der Kontext? Wie schafft man es mit den Schülern, wieder zu kontextualisieren – ohne dass es sie überfordert?“
IDA
„Sie haben es eben schon angesprochen, dass dieses Hobbes’sche Menschenbild letztendlich durch Social Media ganz viel weiterverbreitet wird, gerade was die Abschottung angeht. Da entsteht letztendlich ein riesiger nocebo-Effekt, der stark dazu führt, zumindest bei Jugendlichen, dass total viele psychische Probleme, auch psychische Krankheiten entstehen – durch Social Media. Was lässt sich da verändern? Oder wie schafft man ein anderes Verhältnis, in dem die Psyche von Jugendlichen nicht mehr so stark negativ beeinflusst wird?“
IDA
„Ich finde es ganz spannend, dass immer das Hobbes’sche Modell des homo homini lupus herangezogen wird. Aktuell ist Hobbes aus den Oberstufen-Lehrplänen raus, wir behandeln aber viel Kant. Und der wird meistens im Unterricht dargestellt als ein positives Gegenstück: Er hat den angeblich universalistischen Menschenrechts-Gedanken entwickelt, er spricht von Menschen-Würde, es wird aber leider zu selten darauf eingegangen, dass sich aus seinem Menschenbild auch andere Implikationen ableiten und dass er im Prinzip auch schon einer der ersten wirklich neoliberal denkenden Philosophen ist. Wenn man mit Kant vom unmündigen Menschen spricht, dann sind die Gründe dafür individuelle Faulheit und Feigheit. Und wenn man Schüler herausarbeiten lässt, wie sie sich selbst in diesem System sehen, sind genau das auch oft die Selbstzuschreibungen. Sie haben vorhin auch gesagt, das subjektive Grunderleben ist: „Ich bin defizitär“. Das baut einen immensen Druck von allen Seiten auf: „Ich bin nicht genug“.
Was biete ich nun als Lehrkraft? Wenn ich wirklich Gegenwelten aufmachen oder Gegen-Angebote schaffen will? Müssen dies dann auch mal nicht-neo-liberale Modelle sein, die schlussendlich auch einen kapitalistischen Staat infrage stellen?“
Wir haben immer mehr Studien darüber, inwieweit Mental Health, also gesundheitlich psychische Probleme, dominant sind bei jungen Menschen. So wie ich, der ein paar Jahre älter ist, das noch nie zuvor gehört habe. Natürlich gab es immer auch Depressionen oder so, aber wir haben es nun mit einer Dichte solcher Erscheinungen zu tun, die erschreckend ist. Und das liegt ganz sicher auch daran, dass man seine Perspektive so sehr darauf ausgelegt hat, auf das, was einem gezeigt wird in den sozialen Medien, dass man natürlich damit eine permanente Frustration herstellt.
Das ist ja zum Beispiel auch für angehende Lehrer oft so, dass, wenn sie dann zum Ersten Mal vor der Klasse stehen, sie sich daran erinnern, dass sie eigentlich gerade erst aus der Schule rausgegangen sind und dann plötzlich im Moment anfangen zu denken „Wer bin ich eigentlich, dass ich jetzt glaube, Schüler unterrichten zu können, wo ich doch eben noch selbst ein Schüler war?“
Und wenn man natürlich in diese Gedankenkreisläufe kommt, dann wird diese Unterrichtsstunde nicht die beste. Insofern bedeutet Auftreten auch immer, die Zweifel von sich zu streifen. Man kann ja dann wieder in stillen Stunden ein bisschen mehr den Zweifel heranziehen.

Interview: Aaron, Ida, Melanie, Rainer

DOPPELLEBEN
Dieses Projekt geht 2022 / 2023 der Frage nach, was in der Schule abseits von Lehrplänen und Prüfungen geschieht und was sichtbar gemacht zu werden von Interesse ist.

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