Von der Klangkunst zur interkulturellen Verständigung / Josephine Hörburger

Von der Klangkunst zur interkulturellen Verständigung / Der Weg führte Josephine von der musikalischen Ausbildung an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt hin zu der Frage, wie wir in einer vielfältigen Gesellschaft respektvoll miteinander leben – und Abschied nehmen. Neben ihrer Arbeit als Musikpädagogin, die unter anderem durch die Leitung einer inklusiven Musikgruppe und eines Chores der Lebenshilfe e.V. in Darmstadt geprägt wurde, hat sie sich im Rahmen ihres Masterstudiums an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg intenstiv mit den interkulturellen und interreligiösen Anforderungen an das deutsche Bestattungswesen auseinandergesetzt. Diese Forschung ist für Josephine Ausdruck einer Haltung: Empathie und kulturelles Wissen sind die Basis für ein gelingendes Miteinander, sei es im Unterricht oder in den existenziellen Momenten des Lebens

JOSEPHINE: „Die Masterarbeit hatte den Titel Interreligiöse und interkulturelle Anforderungen an das deutsche Bestattungswesen. Es ging darum, dass ich mir anschauen wollte, wie ein Diversity-Friedhof konzipiert werden kann, sodass islamische, jüdische, christliche und nichtchristliche oder nichtreligiöse Gräber oder Grabfelder nebeneinander in Einklang sein können, also gemeinsam geplant und gebaut werden können – wie auch immer.“


Vielfalt über den Tod hinaus – Josephine über Bestattungen

Was passiert eigentlich nach dem Tod mit meinem Körper und wie darf dieser bestattet werden? Während viele bei dieser Frage an den Himmel oder das Jenseits denken, hat Josephine einen ganz praktischen und gesellschaftspolitischen Blick darauf geworfen. In ihrer Masterarbeit untersuchte sie, wie unser Bestattungswesen in Deutschland mit der Vielfalt unserer Gesellschaft mithalten kann.

Friedhöfe als Orte für alle: Trennung oder Gemeinschaft?

Friedhöfe sind kulturelle Erinnerungsorte und bieten einerseits Raum zum individuellen Trauern, andererseits zum historischen Gedenken (man denke an die jüdische Friedhofsgeschichte). Zudem sind Friedhöfe insbesondere im städtischen Raum als Grün- und Naherholungsflächen für Mensch und Tier nicht mehr wegzudenken. Dennoch stehen kommunale Friedhöfe heutzutage vor großen Herausforderungen wie Finanzierungsproblemen und der Klimakrise (z.B. die nachhaltige Nutzung von bereits übersäuerten Böden). Es braucht also neue Nutzungsformen der Friedhofsflächen. Eine zentrale Forschungsfrage war, was bei der Planung eines „Friedhofs für alle“ berücksichtigt werden muss – beispielsweise inwiefern religiös getrennte Grabfelder sinnvoll sind und wie der Friedhof mithilfe neuer Nutzungsformen zum besseren Verständnis verschiedener Kulturen und Religionen beitragen könnte.

Gesetze vs. Glaube: Wenn das Recht im Weg steht

In Deutschland gibt es strenge Regeln, die oft im Widerspruch zu religiösen oder kulturellen Traditionen, aber auch individuellen Vorstellungen und Wünschen der Trauernden oder Sterbenden stehen. Islamische Bestattungen folgen beispielsweise festgeschriebenen Abläufen, die mit dem deutschen Bestattungsrecht kollidieren (z.B. ewige Grabruhe vs. befristete Ruhezeit, islamische Tuchbestattung vs. Sargpflicht). Das Bestattungsrecht ist föderal organisiert, Gesetzesanpassungen erfolgen also auf Länderebene. Viele Bundesländer haben ihre Bestattungsgesetze entsprechend der immer vielfältiger werdenden Gesellschaft angepasst – so können inzwischen in fast allen Bundesländern sarglose Bestattungen durchgeführt werden.

Die Friedhofspflicht besagt, dass Verstorbene in Deutschland nur auf einem Friedhof oder einem vorgesehenen Bestattungsort wie beispielsweise dem FriedWald oder RuheForst beigesetzt werden dürfen. Eine Ausnahme stellt die Seebestattung in Teilen der Nord- und Ostsee dar. Manche Menschen wünschen sich jedoch für sich oder ihre Angehörigen eine Bestattung in freier Natur oder möchten die Urne lieber mit nach Hause nehmen. Weil dies in Deutschland verboten ist, nutzen Menschen Bestattungsangebote der Nachbarländer und lassen die Urne ihrer Angehörigen ins Ausland überführen. Internationale Überführungen des Leichnams, beispielsweise zur Bestattung in der Heimaterde, sind ebenfalls möglich.

Josephine untersuchte, in welchem gesetzlichen Rahmen religions- und kulturübergreifend für einen gelungenen Abschied gesorgt werden kann und welche Bestattungsgesetze in Widerspruch zu den vielfältigen Bestattungswünschen einer heterogenen Bevölkerung stehen. Außerdem zeigte sie auf, welche Bestattungsarten in anderen Ländern praktiziert werden und wie diese Praktiken die Bestattungskultur in Deutschland beeinflussen.

Die Kostentragungspflicht regelt, wer für die Bestattungskosten aufkommen muss, dies sind zumeist die nächsten Angehörigen wie Ehepartner*in und Kinder. Können anfallende Kosten nicht gedeckt werden, muss eine „ordnungsbehördliche Bestattung“, also eine amtliche Bestattung, durchgeführt werden. Sterben ist teuer. Steigende (Alters-)Armut sowie lange und kostenintensive Pflegezeiten führen zu einer jährlich steigenden Zahl an amtlichen Beisetzungen, wobei oftmals eine Feuerbestattung mit anonymer Beisetzung (ohne Grabmarkierung) als kostengünstigste Bestattung durchgeführt wird. Eine
Kremierung kann aus religiösen Gründen verboten sein und eine anonyme oder teilanonyme Beisetzung auf einer Grabwiese oder in einem Urnenfeld stört oftmals den Trauerprozess der Hinterbliebenen.

Bestattungsfachkraft: Mehr als Handwerk und Papierkram

In der Ausbildung zur Bestattungsfachkraft liegt der Fokus traditionell auf handwerklich -technischen Fertigkeiten, organisatorischem Geschick und der Bewältigung von bürokratischen Abläufen. Doch im Berufsalltag agieren Bestattungsfachkräfte an einer sensiblen Schnittstelle: Sie begleiten Menschen in existenziellen Krisensituationen, in denen Fragen nach dem Tod und einem möglichen Leben danach eine zentrale Rolle bei der Abschiednahme spielen. Da diese Vorstellungen auf tiefe, mitunter religiöse Überzeugungen zurückzuführen und eng mit kulturellen Normen verwoben sind, ist eine ausgeprägte interkulturelle und interreligiöse Sensibilität in diesem Berufsfeld unerlässlich.

Josephine geht in ihrer Arbeit der Frage nach, wie diese Kompetenzen derart in die Ausbildung integriert werden können, dass die Auszubildenden über das bloße Abrufen von Ritualwissen hinauswachsen. Ziel ist die Entwicklung einer reflektierten, „offenen Haltung“ von Bestattungsfachkräften, die es ermöglicht, individuell auf die Bedürfnisse einer heterogenen Gesellschaft einzugehen. Konkret bedeutet dies, Dienstleistungen, Beratungs- und Kommunikationskompetenzen zu entwickeln, die eine chancengerechte Teilhabe an einer würdevollen Abschiedskultur garantieren .

Dabei untersucht Josephine auch, wo Bestattungsunternehmen im Alltag ansetzen können, um sich in der Organisations- und Personalentwicklung interkulturell und interreligiös zu öffnen. Neben einem erforderlichen strukturellen Umdenken leitet sie aus ihren Forschungsergebnissen konkrete Handlungsmaßnahmen zum Barriereabbau ab, die Unternehmen in der Bestattungsbranche umsetzen können. Eine Stellschraube stellt dabei die Diversifizierung der Angebote dar: Von mehrsprachigen Websites bis hin zum Bestattungsfachmarkt muss das Dienstleistungsangebot und die Produktpalette vielfältiger und die Begleitung der Abschiednahme partizipativer werden, um der heterogenen Gesellschaft und den unterschiedlichen Wünschen der Menschen gerecht zu werden.

Pläne für die Zukunft: Die „Horizont-Begleitung“

Besonders spannend für die Zukunft ist Josephines Vision einer neuen Form der Unterstützung am Lebensende. Sie möchte eine Ausbildung zur „Horizont-Begleitung“ entwickeln, die eine diversitätssensible und machtbewusste Haltung in den Mittelpunkt stellt.

Der Kern dieses Konzepts ist eine lückenlose, persönliche Begleitung, die Familien in jeder Phase der Trauer auffängt. Anstatt wechselnder und befristeter Beratungs- und Hilfeangebote bleibt eine feste Vertrauensperson an der Seite der Betroffenen. Diese Unterstützung kann bereits bei einer letalen Diagnose beginnen, stützt die Familie in der akuten Sterbephase und bleibt auch nach der Bestattung so lange bestehen, bis ein stabiler Lebensrhythmus im veränderten Alltag wieder eigenständig gelingen kann. Dieser Ansatz spiegelt sich auch im Namen wider: Ein Horizont markiert kein abruptes Ende, sondern beschreibt einen weiten Übergang, der Raum für das Kommende lässt. In diesem Sinne soll die „Horizont-Begleitung“ als verlässliche Brücke zwischen dem vertrauten Leben, dem Abschied und der Zeit danach fungieren. Sie soll sicherstellen, dass der Weg des Loslassens trotz der tiefen Trauer in Würde, Sicherheit und in menschlicher Verbundenheit erlebt wird.

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