Es war einer dieser drückend heißen Tage kurz vor den Sommerferien, an denen die Luft im Klassenzimmer steht und die Konzentration eigentlich längst Ferien gemacht hat. Einige Schülerinnen und Schüler der Qualifikationsphase 2 der Bertolt-Brecht-Schule in Darmstadt hatten sich in Raum 1.08 versammelt. Eigentlich stand eine Autorenlesung auf dem Programm. Doch als der Schriftsteller und Akademie-Präsident Ingo Schulze den Raum betrat, entwickelte sich der Vormittag schnell in eine völlig andere Richtung – Ingo Schulze suchte das direkte Gespräch. Angeregt durch die Fragen der Jugendlichen entfaltete sich ein intensiver, fast zweistündiger Austausch über ein Thema, das die Menschen in der gesamten Bundesrepublik bis heute bewegt: Das Aufwachsen in der DDR und die vielschichtige Suche nach dem, was wir „Heimat“ nennen.
Der verklärte Blick und die Realität des Erzählens
Schulze stieg ohne Umschweife in ein tiefes Dilemma ein, das er auch in seinem Essay „Schwierigkeiten mit dem Erzählen über die Vergangenheit“ (veröffentlicht auf ingoschulze.com) reflektiert. Gefragt nach seinen frühesten Erinnerungen an das Schreiben, überraschte er die Schülerinnen und Schüler mit einer Anekdote aus seiner eigenen Jugend: „Den Wunsch, ein Schriftsteller zu werden, hatte ich sehr früh, so etwa mit 13 Jahren“. Der Grund sei damals jedoch keineswegs rein künstlerischer Natur gewesen. Vielmehr habe er sich schon als Kind massiv davor gefürchtet, später einmal den obligatorischen Dienst bei der „Nationalen Volksarmee“ antreten zu müssen. Seine kindliche Logik im Jahr 1976: Früh berühmt zu werden, um als eine Art mutiger Held und Dissident um die Armee herumzukommen. Schulze nutzte das Beispiel, um den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie komplex die Erinnerung an eine Diktatur ist. Es sei eine der größten Herausforderungen beim Blick zurück, die eigene Vergangenheit weder nachträglich zu dämonisieren noch unkritisch zu verklären. In seinen Romanen von „33 Augenblicke des Glücks“ bis hin zu „Neue Leben“ oder „Peter Holtz“ habe er immer wieder versucht, verschiedene Antworten darauf zu finden, wie die damalige und heutige Wirklichkeit des östlichen Deutschlands überhaupt zu fassen sei. Den Schülerinnen und Schülern gab er mit auf den Weg, dass Geschichte nie nur aus den großen politischen Ereignissen besteht, sondern aus unübersehbar vielen, individuellen Perspektiven, die alle ihre Berechtigung haben.
Heimat als Verantwortung im Hier und Jetzt
Ein zentraler Begriff des Vormittags war das Wort „Heimat“, das im Westen oft anders konnotiert ist als im Osten Deutschlands. Die Schülerinnen und Schüler fragten Ingo Schulze, ob er die untergegangene DDR oder das heutige Berlin als seine Heimat betrachte. Der Autor bezog sich in seiner differenzierten Antwort auf die Thesen seines Vortrags „Heimat entsteht, wenn ich verantwortlich handeln kann. Überlegungen zum Begriff Heimat aus östlicher Perspektive“. Heimat, so legte Schulze dar, sei kein starrer, geografischer Ort und erst recht kein Begriff, den man nationalistisch verengen dürfe. Vielmehr definiere sich Heimat durch die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe. „Heimat entsteht, wenn ich verantwortlich handeln kann“, zitierte er den Kern seiner Überlegungen. Für die Menschen in Ostdeutschland habe der radikale Systemumbruch nach 1989 oft bedeutet, dass ihnen die gewohnte Umgebung zwar physisch erhalten blieb, die gelernten Verhaltensmuster, Biografien und sozialen Sicherheiten jedoch von heute auf morgen entwertet wurden. Wenn Menschen das Gefühl verlieren, ihre eigene Umwelt aktiv mitgestalten und Verantwortung übernehmen zu können, gehe das Gefühl von Heimat verloren.
Wir bedanken uns sehr bei Herrn Schulze für den Besuch im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Brecht trifft…“ und hoffen, die eröffneten Perspektiven nicht zuletzt auch im Workshop „Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur“ vom Oktober 2026 noch weiter beleuchten zu können.
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